Jiddeln, Klezmer und Gefilte Fish - Zur “Jüdischen Woche” 2011 in Leipzig
25. Juni 2011Schabbat Schalom!
Ich sitze gerade gemütlich im Wohnzimmer und schaue mir das Programm der von der Stadt Leipzig organisierten “9. Jüdischen Woche vom 26. Juni bis 3. Juli 2011″ an, folgt man dem Grußwort von OBM Burkard Jung (SPD), “ein pralles Programm mit Filmen, Geschichte(n) und Gesprächen, Klassik, Klezmer, Kunst, Literatur an zahlreichen Orten der Stadt”.
In der Tat:
Die Veranstalter haben weder Kraft, noch Mühe gescheut, einen bunten Strauß aus unterschiedlichsten Facetten jüdischer Kultur und jüdischen Lebens zusammenzustellen, um die durch den Nationalsozialismus jäh beendete und viel beschworene “deutsch-jüdische Symbiose” zumindest in der Erinnerung wieder lebendig werden zu lassen.
Nur hat die Sache denn doch einen kleinen Haken, denn erstens ist diese “Symbiose”, sofern sie denn überhaupt jemals bestanden hat, durch die Vernichtung von ca. 6 Mio. Juden in der Shoah endgültig zu Ende gegangen, und zweitens sucht man in dem gesamten Programm der “Jüdischen Woche” - bis auf einige wenige Angebote der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig - im Prinzip vergeblich nach Veranstaltungen, die sich mit dem beschäftigen, was die Realität jüdischen Lebens in Deutschland heutzutage ausmacht, ganz zu schweigen von der vollkommenen Ignoranz gegenüber dem, was jüdisches Leben in der Welt, und dazu gehört eben ganz zentral auch das jüdische Leben in Israel angesichts der Bedrohung durch einen zweiten atomaren Holocaust seitens des Iran, heutzutage ausmacht.
Eine Skurrilität am Rande ist auch die Kooperation der Veranstalter mit dem Polnischen Institut in Leipzig. Dort wird z.B. Andrzej Wajdas durchaus umstrittener Film “Korczak” gezeigt, der in seiner Schlußszene, durch das Entkommen der deportierten jüdischen Kinder eine Realität vorgaukelt, welche dem traurigen Schicksal dieser Kinder leider nicht entspricht. Dazu gibt es noch eine Diskussion zum polnisch-jüdischen Verhältnis heute, bei der man getrost bezweifeln darf, inwiefern dort auch die lange Tradition des katholischen Antisemitismus sowie die Tradition des polnischen Antizionismus bis heute zur Sprache kommen wird.
Ansonsten legt das gesamte Programm der “Jüdischen Woche 2011″ erneut Zeugnis davon ab, daß man zwar seitens der Stadt Leipzig die offenbar liebgewonnen “toten Juden” gern und ausgiebig bedauert und betrauert und mit zahlreichen Projekten nachträglich zu “rehabilitieren” versucht und, was durchaus zu würdigen ist, ehemalige jüdische Bürger der Stadt und deren Nachkommen regelmäßig nach Leipzig einlädt, um zu demonstrieren, daß es sich heute in der Tat um ein vollkommen anderes, demokratisches Deutschland handelt, daß man jedoch um den jüdischen Staat namens Israel gern einen ganz großen Bogen macht, um sich nicht womöglich einer unangenehmen und unbequemen Diskussion über die Herausforderungen der Tagespolitik stellen zu müssen.
“Das Vergessenwollen verlängert das Exil und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung!”
Diesen Spruch aus dem Talmud kennt mittlerweile fast jeder, und er wird besonders gern von jenen bemüht, die sich mit Veranstaltungen, wie z.B. jener der “Jüdischen Woche” in Leipzig, ein gutes Gewissen in Bezug auf die eigene Geschichte verschaffen möchten, indem sie auf die mittlerweile unzählbaren Projekte zur Erforschung des Schicksals der liebgewonnenen “toten Juden” verweisen und damit der Frage ausweichen, ob es nicht unter Umständen besser wäre, zumindest einen Teil dieser Projekte ad acta zu legen, und sich stattdessen lieber aktuellen Herausforderungen, wie z.B. jener einer akuten Bedrohung des jüdischen Volkes oder besser gesagt des jüdischen Staates Israel durch einen zweiten atomaren Holocaust seitens des Iran, zuzuwenden.
Nur wäre dies ein Thema, dem man leider kaum mit “Jiddeln, Klezmer und Gefilte Fish” sondern allein durch eine ernsthafte Analyse und die entsprechenden Schlußfolgerungen gerecht werden würde.
Da bleiben wir doch lieber bei dem Bewährten, Althergebrachten, soll heißen, bei all den liebgewonnenen “toten Juden”, denn “tote Juden” sind halt doch entschieden bequemer als lebende, denn die lebenden stören doch nur, während man zum Gedenken an die toten wenigstens eine Kippa aufsetzen, wohlgesetzte Worte wählen, das Haupt senken und einen Kranz niederlegen kann.